Hauke Stiewe
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Haukes Kummerkasten
Ich habe einen Freund, der hat keine Visionen, keine Träume. Was kann ich tun?
Das klingt sehr depressiv. Das ist schon ein harter Fall von sehr großem Kummer oder Abgestumpftheit. Versuche mit ihm rumzuhängen, gehe mit ihm unter Leute, macht was Spannendes. Oder wenn er mag, Sport machen, Sachen ausprobieren. Er muss da raus, denn ihm fehlt was im Leben. Also keine Visionen, keine Träume - dann ist nichts mehr da. Und wenn er was Ungewöhnliches tut, dann passiert auch was, dann kommen die Ideen wieder. Weil so kann es nicht weitergehen. Das ist richtig, richtig doof. Da muss sich was ändern.
Er fühlt sich ohnmächtig und machtlos und denkt, er könne ja eh nichts verändern.
Das kann ich schon nachvollziehen. Jeder fühlt sich ja mal machtlos und denkt sich, man kann ja sowieso nichts ändern. Ob eine Beziehung kaputtgeht oder der Staat einen Brief schreibt oder etwas Endgültiges passiert. Aber es lohnt sich immer zu kämpfen. Es gibt ja den weisen Spruch: "Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren" und das ist keine hohle Phrase. Und wenn er kämpft, gibt es neue Möglichkeiten. Er darf die Regeln auch nicht für feststehend halten. Gesetze hinken oft hinterher, sie sind dazu da, dass man sie ändert und manchmal auch bricht. Man muss an den Gesetzen rütteln, damit was passiert. Sie müssen nämlich am Leben dran bleiben.
Er hat schon Lust, was zu machen. Aber ihm fällt nichts ein und es fehlen ihm die Leute dazu.
Er hat keine Leute, weil er keine Ziele hat. Ist ja klar. Ohne Ziele, keine Leute. Und wenn er Lust hat irgendwas zu tun, weiß aber nicht was, na dann kann er ja einfach mal wo mitspielen, was ausprobieren, das ist ja nicht schlimm. Zu irgendwelchen Vereinen, Gruppen, Interessenverbänden gehen oder egal. Es geht nur darum, etwas zu machen, nicht darum Überzeugungen zu übernehmen. Gucken, was die machen und warum sie es machen, nett sein zu Leuten, Fahrradschrauben, was mit anderen Leuten zusammen machen, Kleider nähen, mit uns Boot fahren. Einfach irgendwo hingehen und gucken, ob ihm das passt.
Zuhause zu sitzen und zu sagen, es sind ja keine Leute da und ich habe ja auch keine Idee, was ich tun könnte, ist nur eine Ausrede. Leute sind genug da und Leute, die Ideen haben, gibt´s auch. Klar mag man sich auch mal nicht oder es klappt nicht. Aber verlieren kann man ruhig, weil man auf dem Weg schon was gewonnen hat.
Er ist sehr unglücklich in seinem Job, traut sich aber nicht zu kündigen, weil er doch Geld braucht.
Viele Leute langweilen sich in Ihrem Job, sie sind nicht mehr motiviert, sie wollen keine Leistung bringen, sie sitzen ihre Zeit nur noch ab. Es gibt ja die Fälle, wo man seit zehn Jahren kündigen wollte, weil einem seit dieser Zeit der Job zum Hals raushängt, nur aus Gewohnheit und um die Kohle zu haben, macht man es dann noch.
Also ich finde, er stirbt da auf Raten. Das ist ein klarer Fall für neues Leben. Er muss aufhören, weil jeder weitere Tag auf diese Weise ein verschenkter Lebenstag ist. Er könnte soviel machen in der Zeit, das geht gar nicht. Wenn er so unzufrieden ist, dass er lange schon kündigen wollte und das jeden Tag denkt, dann muss er den Job auch mal lassen und zwar heute. Er muss ins kalte Wasser springen, mal auf Luxus verzichten, lieber in eine günstigere Wohnung umziehen. Er muss wieder bereit werden, sich zu verändern.
Er sagt auch immer: "Wenn ich mal einen guten Job haben will, muss ich doch Praktika machen, muss ins Ausland gehen und flexibel sein." Er will deswegen in die USA gehen und macht so Bewerbungstrainings. Aber ist das richtig?
Das ist richtig, wenn er der Wirtschaft dienlich sein will und Leibeigener und Sklave
werden möchte, dann sollte er das tun. Ganz einfach. Wenn er sein Leben selber nicht gestalten möchte, sondern lieber das von anderen Leuten, muss er das auch tun.
Aber wenn er wirklich sagen möchte: "Ich will mich verwirklichen und ich will auch einigermaßen glücklich sein, und mir selber ins Gesicht schauen können", dann ist diese Aussage nicht die beste.
Wenn er in die USA gehen will, weil er das wirklich für sich will, dann sollte er das tun. Wenn er da Urlaub machen will, da Leben will, dann ja. Aber nicht, wenn er damit nur für seinen Lebenslauf lebt, damit der sich so und so anhört, das ist absurd. Und diese Trainings für Bewerbungsgespräche... Da spielt dann einer den Chef und er den Bewerber. Aber er kann es nicht allen recht machen. Es ist ja immer unterschiedlich, was erwartet wird. Wichtig ist, dass er zu sich steht. Und wenn er an sich selbst am dichtesten dran ist, dann ist er überzeugend.
Aber daran krankt die Gesellschaft, dass die Wirtschaft, die Firmen Ansprüche stellen und die Leute versuchen die Ansprüche zu erfüllen. Aber sie schießen sich damit ein Eigentor. Weil sie ja auch nicht nur solche Leute brauchen, die so leben, wie sie es jetzt gerade diktiert bekommen. Später fehlen Ihnen die Ideen, die freien Leute und dann stehen sie dumm da. Dann gehen die Firmen trotzdem weg und er ist so, wie die ihn wollten, aber trotzdem arbeitslos. Das ist ja auch jetzt schon so. Man braucht Leute, die frei gelebt haben und sich selber was vorstellen können. Und die gibt es zu wenig.
Du bist sein großes Vorbild. Macht das Sinn?
Das macht keinen Sinn. Also ich bin kein großes Vorbild, auch wenn ich viel mache. Ich habe viele Sorgen in meinem Leben gehabt, habe die auch immer noch und kompensiere mit meiner Arbeit natürlich auch Macken. Und Vorbilder, ich meine, da scheint er etwas zu leben, was er gerne sein möchte, aber nie erreichen kann, eben weil der andere auch nicht so ist, wie er ihn sieht. Bei einem Politiker oder auch einem Rockstar sieht man ja auch nur das Gesicht, was präsentiert werden soll. Wenn man jemanden privat kennt, ist er ja immer ganz anders, auch ich bin anders und komplizierter.
Wenn er mal auf dem Flohmarkt am Boxhagener Platz am Sonntag rumkommen würde, dann würde er mich mal in Echt sehen, meine Bewegungen, hören, wie ich rede, und auch vielleicht mal andere Seiten sehen, die nicht in sein Bild passen. Aber selbst, wenn er jemanden persönlich sehr gut kennt, sollte er ihn nicht zum Vorbild erküren. Er ist ja selber wer. Vorbilder als Eckpunkte ok, das kann ganz nett sein, aber wirkliches Nachmachen und Nacheifern ist schlecht. Dadurch macht man sich kleiner und versucht größer zu werden, indem man jemand anderen nachahmt.
Er würde Dich gerne mal fragen, ob er bei Dir mitmachen darf. Aber er traut sich nicht.
Er kann ruhig mal bei mir rumkommen und sagen: "Ich will siebdrucken, Deine Plakate mitmachen, bei den Solipartys mitmachen", oder irgendwas anderes. Wenn ich zum Beispiel gerade zum Flohmarkt am Boxhagener Platz gehe, wo ich Sonntags T-Shirts, Taschen und Plakate für die Wahl verkaufe. Da kann er mir helfen, wir schleppen dann Klamotten dahin, reden mit Leuten und verkaufen die Häschensachen. Und dann sitzt er da und sieht, ob ihm das taugt und dann kann er zum nächsten gehen, wenn er mag. Oder er entwickelt einen Willen und will sich dann selbst zur nächsten Wahl aufstellen lassen oder so.
Wenn Du auch Fragen hast, dann schick eine Email an hauke@linkerhund.de. Ich werde Dir so schnell wie möglich antworten